Mittlerweile sind es 20 Todesopfer, die als Folge der in Duisburg ausgebrochenen Panik im Zugangstunnel zur Loveparade 2010 zu beklagen sind, während die Zahl der Verletzten auf über 500 korrigiert wurde. Derweil werden von der Presse immer mehr Details darüber aufgedeckt, wie stark der politische Druck tatsächlich war, um die Veranstaltung entgegen aller Sicherheitsbedenken durchzudrücken.
So schreibt die „Süddeutsche“, der (mittlerweile im Ruhestand befindliche) ehemalige Polizeipräsident der Stadt Duisburg, Rolf Cebin, habe sich heftig gegen die Durchführung der Loveparade in Duisburg gewehrt. Der örtliche Kreisvorsitzende der regierenden CDU in Duisburg Thomas Mahlberg forderte daraufhin den nordrhein-westfälischen Innenminister Ingo Wolf unverhohlen dazu auf, den unbequemen Beamten abzusetzen:
„Die Duisburger Polizei ließ erklären, eklantante Sicherheitsmängel stünden der Durchführung der Loveparade entgegen. Eine Negativberichterstattung in der gesamten Republik ist die Folge [...] Der Eklat veranlasst mich zu der Bitte, Duisburg von einer schweren Bürde zu befreien und den personellen Neuanfang im Polizeipräsidium Duisburg zu wagen.“
So weit konnte es dann zwar nicht mehr kommen, konnte der widerspenstige Cebin doch zum passenden Zeitpunkt schlicht in die Rente geschickt werden. Die Kaltschnäuzigkeit ist allerdings schon erschreckend, mit der ein örtlicher Parteifunktionär ohne offizielle Funktion in der Verwaltung der Stadt die Beseitigung eines unbequemen Beamten fordert, nur weil dieser es wagt, tatsächlich seinen Job zu machen. Derartiges feudalistisches Gutsherren-Benehmen und Mauscheltum ist für mich allerdings mittlerweile zum Sinnbild der „schwarzen“ Partei(en) geworden, bei denen der erste Buchstabe ihres Kürzels nur mehr ein zynischer Treppenwitz der Geschichte ist.
Die „Ruhr Nachrichten“ berichten in ihrer heutigen Ausgabe von einem weiteren pikanten Detail: die Leiterin des Bauordnungsamtes der Stadt soll sich noch im März strikt geweigert haben, die Genehmigung für die Loveparade zu unterschreiben. Kurze Zeit später wurde sie versetzt, so die Zeitung unter Berufung auf anonyme Informanten.
In dem Zusammenhang sollte man vielleicht Thomas Wenner zitieren, den ehemaligen Polizeipräsidenten von Bochum, der 2009 die Durchführung der Loveparade in der Stadt verhinderte (und dafür ebenfalls starken politischen Gegenwind erfuhr): „Wer manifeste Sicherheitsbedenken so wenig ernst nimmt, obwohl sie offenkundig sind, sollte sich von Verantwortung fernhalten, statt auf die einzuprügeln, die sich ihrer Verantwortung bewusst sind.“ Wenner hat übrigens mittlerweile Strafanzeige gegen die Verantwortlichen von Duisburg gestellt.
Derweil hat der Veranstalter der Loveparade, „McFit“-Gründer Rainer Schaller, einen Sündenbock ausgemacht. Die Polizei soll es gewesen sein. Diese hätten die vorhandenen Zugangs-Schleusen, mit denen der Besucherstrom in den Tunnel reguliert werden sollte, nachmittags einfach vollständig geöffnet. Es erscheint schwer zu glauben, daß ausgerechnet die Polizei derartig leichtsinnig gewesen sein soll. (Zu Anfang hieß es übrigens auch noch, am Tunnelende sei der Weg aufs Gelände versperrt gewesen, was dann aber auch nicht der Fall war; insofern sind solche Aussagen derzeit wohl eh mit Vorsicht zu genießen.)
Aber selbst wenn beispielsweise durch ein Kommunikationsproblem tatsächlich die Schleusen fälschlicherweise geöffnet wurden, ändert es aber nichts am grundsätzlichen Problem: nämlich, daß Hunderttausende Besucher durch eine einzelne schmale Gasse hinein (und wieder hinaus!) geführt werden sollten – ein bizarres Konzept, dessen Gefährlichkeit sogar den meisten Laien sofort klar ist – von Experten ganz zu schweigen. Wenn man immerhin den Besucherstrom im Tunnel überwacht hätte, hätte man durch frühzeitiges Verschließen der Schleusen den Druck vielleicht noch rechtzeitig reduzieren können. Aber für ein paar drahtlose Kameras im Tunnel fehlte anscheinend das Geld. Das ist allerdings bestimmt nicht die Schuld der Polizei gewesen.