Den ein bis zwei regelmäßigen Besuchern dieser Seiten wird vielleicht (oder auch nicht) aufgefallen sein, daß in den letzten zwei Wochen mehr oder weniger Funkstille herrschte. Dies lag schlicht daran, daß ich in der Weltgeschichte herumgegeistert bin, um ein langjähriges Vorhaben endlich umzusetzen: nämlich Schottland zu besuchen.
Schottland: das Land von Haggis, Dudelsack, Kilt und Single-Malt. Wo die wahren Kerle in karierten Röcken herumrennen und selbst für Briten merkwürdig reden. Wo das Wetter innerhalb von Minuten von Sonnenschein zu Gewitter wechseln kann. Wo man auf einsamen, einspurigen Landstraßen am ehesten Begegnungen (und Kollisionen) mit eigenwilligen Schafen fürchten muß.
Los ging's in Edinburgh, welches von den Einheimischen „Iieh-Din-Braah“ ausgesprochen wird. Überhaupt ist die schottische Varietät des Englischen, sagen wir einmal, gewöhnungsbedürftig. Die schottische Mundart „Scots“ ist in der Tat für Nicht-Initiierte, insbesondere Ausländer, praktisch unverständliches Kauderwelsch, vergleichbar hierzulande mit Oberbayrisch. Wenn die Einheimischen merken, daß sie mit Nicht-Schotten zu tun haben, wechseln sie zur schottischen Form des Hochenglischen („Do you need a baaag?“). Ganz problemlos ist aber auch dieses nicht, so stolz der teutonische Besucher auch auf seine 8 Jahre Oxford-Englisch an der Schule sein mag. In anderen Gegenden des Landes (insbesondere im Hochland) hält sich bis heute Gälisch, was insbesondere zu interessanten Ortschildern führt. Und natürlich zu gerunzelten Stirnen, Schweißausbrüchen und feuchter Aussprache bei allen, die versuchen, derlei Worte ohne mehrjähriges Sicherheitstraining zu sprechen.
Von Edinburgh ging es über die Hafenstadt Aberdeen hoch ins Spey-Tal. Nach den unvermeidlichen Stopps in einer verfallenen Burg und in einer der dort zahlreich vorhandenen Distillen ging es an der Nordseeküste entlang Richtung Inverness, wo der Ness in die Nordsee mündet. Nördlich von Inverness liegt das „Carbisdale Castle“, eine klassizistische Schloß-Absurdität aus dem frühen zwanzigsten Jahrhundert. Heute befindet sich in dem Gemäuer eine Jugendherberge, um das herum Wanderwege durch die Umgebung führen, die landschaftlich an ein Hochmoor erinnert. Man kann die beeindruckende Landschaft allerdings eher schlecht genießen, denn wenn es nicht in Strömen regnet, machen Myriaden kleinster Stechmücken jeden Halt zur Qual.
Nächste Station war die Isle of Skye, die zu den inneren Hebriden zählt und als einzige per Brücke direkt mit dem Auto zu erreichen ist. Entsprechend groß ist die Menge an Touristen, die es auf die Insel verschlägt, die ansonsten mit knapp 10.000 Bewohnern auf rund 1600 Quadratkilometern sogar für schottische Verhältnisse ziemlich spärlich besiedelt ist. Die Straßen sind beinahe alle einspurig, und die Warnung vor Schafen auf den Straßen ist ernstzunehmen („They're na drunk, they're jus' thick!“). Auch hier regnet es schottlandtypisch oft („If it's not rainin' on Skye, it's goin' to“), oder es weht starker Nordwind, der dann immerhin für die kältere Witterung mit recht stabilem Wetter entschädigt. Portree ist der größte Ort auf der Insel, in dem rund ein Drittel der Insulaner wohnt. Von dort kann man Wanderungen planen, Rundfahrten auf der Insel unternehmen oder Bootsausflüge buchen.
Vielleicht ein Wort zum Tourismus. Ganz Schottland hat sich auf Besucher aus anderen Ländern eingestellt. Diese sind gern gesehen und werden üblicherweise freundlich empfangen. Grundsätzlich sind die Schotten ein sehr umgängliches Völkchen, ziemlich direkt und sehr herzlich zugleich. Da der Großteil der Besucher aus teutonischen Gefilden stammt, spricht ein nicht unerheblicher Teil der Einheimischen zumindest ein paar Brocken deutsch, was immer dann sofort stolz vorgeführt wird, wenn die Reisegruppe sich durch unvorsichtiges Tuscheln in der eigenen Sprache verraten hat. Glücklicherweise gab es wenig Anlaß zum Fremdschämen, was vielleicht damit zusammenhängen mag, daß man sich schon rein geographisch beinahe nicht weiter von den spanischen Ballearen entfernen kann als im Land der Skoten und Pikten.
Nach Abstechern nach Fort Wiliam und Oban (einer weiteren Hafenstadt) sowie einer Wanderung ins Glen Navis mit den (schwer beeindruckenden) „Steall“-Wasserfällen ging es zum Schluß zurück in die schottische Landeshauptstadt. In der dortigen Flaniermeile, der „Royal Mile“, wimmelt es nur so von Souvenirgeschäften, in denen man sich nach Herzenslust mit Short Bread, Fudge und sonstigem albernen Kleinkram eindecken kann. Wie erwähnt, sind die Schotten Besucher aus aller Welt gewohnt, und geschäftstüchtig wie sie sind, wird quasi aus der Not eine Tugend gemacht. Wobei ich mich schon frage, wie man es schaffen kann, tagein, tagaus im Souvenir-Shop zu stehen und nicht spätestens nach der dritten Wiederholung von „Amazing Grace“ aus den Dudelsäcken der Royal Scots Dragoon Guards Amok zu laufen.
Es gibt zahlreiche Pubs und Restaurants, die natürlich alle Fish&Chips sowie „Haggis, Neeps and Tattis“ servieren. Dieses schottische Nationalgericht ist durchaus schmackhaft, allerdings sollte man vielleicht nicht allzu genau darüber nachsinnieren, was man da gerade eigentlich genau ißt. Neben Kneipen und Mitbringsel-Geschäften inklusive der endlosen Dudelsack-Dudelei hat Edinburgh natürlich noch viel mehr zu bieten. Insbesondere der Besuch des Castles, obschon geradezu unverschämt teuer, lohnt sich.
Bleibt als Fazit, daß es beinahe unmöglich ist, sich dem eigenwilligen Charme jenes Landes mit seinen merkwürdigen Menschen und dem schlechten Wetter zu verschließen. Nicht zuletzt deshalb, wenn schließlich dann doch der Tag der Abreise zum Flughafen gekommen ist, fängt man bereits am Checkin-Schalter an, die nächste Reise zu planen.