Da ist man einmal ein paar Tage nicht da, und schon steht die Bude kopf. Die schwarz-gelbe (oder, wie D. Hildebrandt sagen würde: „schwelbe“) Regierungskoalition verzettelt sich immer weiter in ihren Rosenkrieg, die Neuwahl des Bundespräsidenten droht, der unwürdigen Farce des Köhlerschen Rücktritts gleich noch eine weitere hinterherzuschicken, um Würde und Glaubwürdigkeit des Amts wenigstens gründlich und endgültig zu ruinieren – und Walter Mixa will noch einmal zurücktreten: und zwar von seinem Rücktritt.
Wie ein „Fegefeuer“ sei der Druck gewesen, der nach Mißhandlungs- und Untreuevorwürfen auf ihm gelastet habe, so der gefallene Kirchenfürst. Hinzugekommen sei der (schnell entkräftete) Vorwurf des sexuellen Mißbrauchs, der von seinen bischöflichen Brüdern quasi als Dolch in seinem Rücken genutzt worden sei, um ihn beim Papst anzuschwärzen. Das Rücktrittsschreiben sei vorgefertigt gewesen, und seine Hand sei ihm bei der Unterschrift sozusagen geführt worden. Und natürlich, so Mixa, gelte auch für Rücktritte von Bischöfen der allgemeine Grundsatz sowohl weltlichen als auch kirchlichen Rechts: ein Rücktritt unter Zwang ist nichtig. Wie um diese Aussage zu unterstreichen, weilt seine Ex-Exzellenz mittlerweile auch wieder in der bischöflichen Residenz des Bistums Augsburg. Als sei nichts geschehen.
Okay, also noch einmal langsam, nachdem wir alle unsere Unterkiefer wieder vom Boden aufgelesen haben. Der Druck, unter dem Mixa stand, war schlicht der Druck der (berechtigten) Empörung über seine Fehltritte. Er wurde von den Medien, von Kirchenfürsten und Laien gleichermaßen aufgefordert, wenigstens am Ende Konsequenzen zu ziehen. Ein Bischof ist eine moralische Instanz, er ist ein Vorbild. Wenn er dieses Kapital verspielt hat, schadet ein Verbleib im Amt der Kirche, der er ja zu dienen vorgibt, mehr als ein Rücktritt.
Aber Mixa hat sich doch kaum etwas zuschulden kommen lassen! Was ist das schon: ein paar Gelder von Waisenkindern für die eigene Verschwendungssucht abgezweigt. Ein paar der undankbaren Gören geprügelt. Pah, wen stört's. Ist ja nicht so, daß er nachts angeheitert auf menschenleerer Straße eine rote Ampel übersehen hätte. Wie Pispers es treffend feststellte: so offenbart sich der Unterschied zwischen katholischer Moral und protestantischer Ethik, aber das nur nebenbei.
Wenn man Mixas Argumentation ernstnähme, dann müßten Kirchenmänner über jedes Urteil der Bevölkerung erhaben sein, denn: jegliche öffentliche Empörung wäre ja wieder Druck, der wiederum das Ziehen von Konsequenzen in Form von Rücktritt unmöglich mache. Offenkundig wünscht er sich also zurück zu jenen Zeiten, in denen das Kirchenvolk schnauzehaltend jegliche Exzesse der Kirchenoberen erduldete. Das paßt zumindest zu seinem Charakter.
Aber ärgere ich mich über Walter Mixa? Nein. Denn er schadet der katholischen Kirche und – indirekt – auch den protestantischen Kirchen durch jedes Wort aus seinem Mund mehr, als es jede philosophische Auseinandersetzung meinerseits mit dem grotesken Konzept der kritiklosen Religiosität jemals könnte. Er führt dem Kirchenvolk die ganze Blasiertheit, Verdorbenheit und Unfähigkeit zur Selbstreflexion des gerontokratischen Apparats vor, der die römisch-katholische Kirche ist. Die protestantischen Kirchen erleiden Kollateralschäden, werden aber letztlich weniger geschädigt aus der Affäre hervorgehen, denn die respekterzwingende Konsequenz im Handeln der ehemaligen EKD-Vorsitzenden ist noch frisch im Gedächtnis.
Es wird Zeit für einen neuen Gesellschaftsvertrag. Die Bundesrepublik ist eben längst kein „christlicher“ Staat mehr. Die Verquickung der staatlichen Organe mit den Kirchen ist unselig und unpassend in einer pluralistischen Gesellschaft, in der mindestens ein Drittel der Bevölkerung offen agnostisch ist. Von den wachsenden Bevölkerungsteilen ganz zu schweigen, die verschiedenen islamischen Strömungen anhängen.
In einer solchen Gesellschaft kann der Staat nur neutraler Mediator sein. Die Überzeugung, daß bestimmte ethische Grundprinzipien und moralische Überzeugungen unabhängig von der Religiosität des Einzelnen gelten, muß sich im Bewußtsein der Bevölkerung und der Staatsdiener bis hin zur Regierung endlich einprägen. Unselige Debatten wie jene über Ethik-Unterricht an staatlichen Schulen, über die Zulässigkeit von islamischem Religionsunterricht oder über islamische Fakultäten an deutschen Universitäten müßten endlich der Vergangenheit angehören. Und wo ich gerade von Blasiertheit sprach: auch deutschen Politikern täte etwas weniger Ränkespiel und Lagerkampf und etwas mehr Demut und Gestaltungswille gut zu Gesicht. Aber mit dem Merkelschen Ränkespiel und Prinzip des Regierens durch Reagieren beschäftige ich ein anderes Mal.
Für's erste bleibt mir nur, das Popcorn herauszuholen und weiter das Schauspiel jener personifizierten katholischen Selbst-Demontage namens „Walter Mixa“ zu genießen.