Dem nackten Mann in die Tasche gelangt

Vor einigen Wochen verkündete Hessens Noch-Ministerpräsident Roland Koch großspurig, man müsse auch bei der Bildung sparen. Das wird in Hessen nun bereits Wirklichkeit, mit ungeahnten Folgen: der jüngste Schildbürgerstreich trifft – ausgerechnet – die Doktoranden. Und damit diejenigen, die den eh schon maroden wissenschaftlichen Mittelbau im Lande tragen.

Einige Universitäten schreiben in ihren Promotionsordnungen vor, daß der Promovent ordentlich eingeschriebener Student sein muß. Das dazugehörige Studium heißt landläufig dementsprechend „Promotionsstudium“. Einziger Unterschied zum normalen Studium ist, daß die Eingeschriebenen bereits einen Berufsabschluß haben.

Aus diesem kleinen aber feinen Unterschied ergibt sich, daß es zum Beispiel auch kein BAFöG gibt, Wohnheimplätze natürlich auch nicht. Doktoranden sind im Regelfall zwischen 25 und 30 Jahren alt, womit sie in den meisten Fällen zudem selbst krankenversicherungspflichtig sind. Daher ist es üblich, daß die Lehrstühle ihre Doktoranden als wissenschaftliche Mitarbeiter beschäftigen. Auch wenn ich keine genauen Zahlen besitze, würde ich davon ausgehen, daß die Zahl wissenschaftlicher Mitarbeiter unter den Promoventen der Republik im Mittel bei über 90 Prozent liegt. Doch genau dieses Modell ist nun nicht mehr möglich, zumindest in Hessen.

In der hessischen Immatrikulations-Ordnung heißt es laut „Spiegel“ wörtlich: „Bewerber, die nicht an der Hochschule beschäftigt sind, können als Doktoranden immatrikuliert werden“, und weiter: „Studierende können immatrikuliert bleiben, wenn sie ein Promotionsstudium aufnehmen wollen und nicht an der Hochschule beschäftigt sind“. Das heißt im Klartext, daß Doktoranden von der Uni nicht einmal als Hilfskräfte eingesetzt werden dürfen (was selbst bei normalen Studenten eigentlich gang und gäbe ist). Also heißt es für die hessischen Promoventen ab sofort: „Doktor-Grad... oder lieber doch ein Dach über dem Kopf und was Warmes im Bauch“.

Wer nicht gerade hauptberuflich Tochter oder Sohn reicher Eltern ist, hat in Hessen in der näheren Zukunft also ein Problem. Die Universitäten werden zwar das einzig Mögliche tun und schnellst möglich den Zwang zur Immatrikulation aus ihren Promotions-Ordnungen streichen – aber das kostet Zeit, üblicherweise mehrere Jahre, da die Änderungen natürlich wiederum vom Land abgesegnet werden müssen.

Aber selbst wenn diese Änderungen alle zügig durchgeführt werden, ja selbst wenn sie gar nicht notwendig wären: den Doktoranden den Studentenstatus quasi zwangsweise abzuerkennen (oder sie zum Sozialamt zu schicken), ist mit „kurzfristig gedacht“ noch wohlwollend umschrieben. Doktoranden arbeiten meistens Vollzeit an den Lehrstühlen, organisieren Übungsgruppen und führen Forschungsprojekte durch. Kurz, sie sind das Gerüst, auf das sich der Wissenschafts- und Lehrbetrieb der Universitäten stützt.

Von dieser Vollzeittätigkeit kriegt ein Doktorand im Schnitt die Hälfte bezahlt. Netto bleibt meistens ein Betrag knapp über 1000 Euro. Der Deal ist folgender: ich lasse mich einige Jahre lang für „Vollakademiker“-Verhältnisse geradezu beschämend schlecht bezahlen, und dafür kriege ich am Ende den Doktorgrad. Aber das Leben gerade in deutschen Großstädten ist nicht billig. Selbst eine kleine Mietwohnung schlägt schnell mit über 400 Euro zu Buche. Unter dem Strich reicht die Kohle meistens, aber große Sprünge gehen damit nicht.

Selbst wenn davon die Möglichkeit der Promotion an sich nicht berührt wäre, bedeutet die Exmatrikulation in den meisten Fällen den Verlust des Nahverkehrs-Tickets, was netto auf eine Gehaltskürzung zwischen 5 und 10 Prozent hinausläuft. Abgesehen von dem „kleinen“ derzeitigen Problem, daß einige Doktoranden nach aktueller Gesetzeslage in Hessen im Moment so gar nicht weiterarbeiten dürfen, also um ihre nackte Existenz kämpfen, wird die Promotion damit noch einmal deutlich unattraktiver.

Denjenigen an den Unis in die (eh schon dünne) Tasche zu greifen, die für das mit Abstand schlechteste Gehalt einen Großteil der Arbeit erledigen, ist schlicht unverschämt. Und es ist dumm. Wie übrigens beinahe jeder Ansatz, ausgerechnet an Bildung zu sparen.

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sprachloses Entsetzen... mehr fällt zu dem "Coup" nicht ein.