In der „Zeit“ ist gerade ein hochinteressanter Artikel erschienen, der ein Schlaglicht auf die gelebte Intoleranz unserer Gesellschaft gerade gegenüber denjenigen wirft, auf die es wirklich ankommt: Kinder.
Deutschland (über-)altert. Das ist Fakt. Die Altersstruktur gleicht heutzutage einer umgedrehten Birne denn einer Pyramide: immer weniger Arbeitnehmer zahlen die Rente von immer mehr Ruheständlern. Die Gesundheitskosten explodieren, die Sozialsysteme kollabieren. Die Bevölkerungszahl stagniert seit Jahren, und das auch nur, weil bislang Zuzüge aus dem Ausland das zunehmende Aussterben der einheimischen Teutonen kompensierten. Und selbst das klappt nicht mehr. Trotzdem verkünden sogar Politiker, die sich offiziell außerhalb des fäkalbraunen Rechtsaußen-Streifens wähnen, mitunter fröhlich weiter, daß wir die paar Zuwanderer weiter gängeln sollen, die es noch in unser Land verschlägt. Früher hieß es halt „das Boot ist voll“, dieses Mal „Intelligenztests für Ausländer“. Andererseits: bei solcher Stimmung kann man die Zuwanderungswilligen tatsächlich wohl nur noch nach ihrem geistigen Zustand fragen, Peter Trapps Vorstoß kann demnach als selbsterfüllende Prophezeiung durchgehen.
Zurück zu den Kindern. Die „Zeit“ listet in ihrem Artikel exemplarisch am Fall Hamburgs auf, welchen Spießrutenlauf Einrichtung und Betrieb einer Kindertagesstätte für die Betreiber bedeutet. Besonders in wohlhabenden Vierteln wird mit härtesten Bandagen gegen die Kindergärten gekämpft: es wird beschwert, verleumdet, bespitzelt, verklagt und gelogen, was das Zeug hält. Ergebnis: KiTas werden per Gerichtsurteil geschlossen, die nachmittägliche Gartennutzung untersagt, oder es wird die Anzahl Kinder auf lächerliche 22 begrenzt – weil das umgebende Wohngebiet einmal zu Nazi-Zeiten als „besonders geschützt“ gekennzeichnet worden war. Setzt sich dagegen der Betreiber durch, ist danach die Stimmung in der Nachbarschaft dermaßen verdorben, daß man beinahe Gestalten in weißen Kapuzen, brennende Kreuze und tote Katzen in Vorgärten erwartet.
Deutschland ist das einzige mir bekannte Land, in dem es Gerichtsurteile zu Kinderlärm und Mittagsruhe gibt – als ob Kleinkinder und Säuglinge sich ohne Einsatz von Drogen oder Gewalt einfach so auf Knopfdruck stummschalten ließen. Die Reaktion der Nachbarn auf neue KiTas erinnert denn auch mitunter an die Einrichtung von Müllverbrennungsanlagen oder Deponien: ja, irgendwie kann das schon sein, daß wir sowas brauchen... aber doch gefälligst nicht hier! Die Kläger gegen Kindergärten sprechen mitunter auch gerne einmal von „unnatürlichen Häufungen“ von Kindern. Ja, stimmt natürlich. Früher, zu des Führers Zeiten, als die brave Mutterkreuzträgerin noch zuhause ihre 7 Kinder gehütet hat, da ging es ja auch noch ohne Kindergärten. Da waren Mütter noch Mütter und keine Gebärmaschinen, jawoll! Nein, es war bestimmt nicht so, daß zu NS-Zeiten Kindergärten als willkommene Indoktrinationseinrichtungen sogar besonders gefördert wurden...
Die Frauen im Land arbeiten heute immer selbstverständlicher und müssen dadurch immer häufiger Kinder und Karriere unter einen Hut bringen. In einer heutigen Familie arbeiten typischerweise beide Elternteile. Die Zeiten, daß der Mann die Kohle heranschafft und sich zuhause eine kinderbetreuende Haushaltshilfe und preiswerte Bettgefährtin hält, sind glücklicherweise wohl unwiderruflich vorbei.
Also brauchen wir Kindergärten. Schon in den 70ern mußte man sich im Idealfall am besten vor der Geburt des Kindes um einen Platz bemühen, wollte man den Sproß zum dritten Geburtstag denn auch wirklich gut untergebracht wissen. Und die Nachfrage steigt weiterhin, Jahr für Jahr. Heute bieten viele Einrichtungen schon die Betreuung ab dem zweiten Lebensjahr an. Die enorme Nachfrage gibt ihnen recht.
Natürlich sind Kinder anstrengend. Kinder sind auch laut. Und zwar sehr: eine Horde spielender Kinder erreicht mit Leichtigkeit einen Schallpegel, der irgendwo zwischen Presslufthammer und startendem Düsenjet liegt. Aber dagegen klagen zu wollen ist in etwa so sinnvoll wie der Versuch, die Schwerkraft gerichtlich zu bekämpfen, oder per Gerichtsentscheid besseres Wetter herbeiführen zu wollen. Kinder sind halt Kinder. Einige Menschen in diesem Land haben anscheinend tatsächlich vergessen, daß sie selbst mal welche waren.
Es ist ja nicht so, daß man das eigene Kind nur zum Spaß in eine KiTa gibt. Wenn es dort keinen Platz gibt, muß improvisiert werden. Die Folge ist ein Pingpong-Spiel zwischen Verwandten, (nicht immer verantwortungsbewußten) Tagesmüttern und der Glotze – anstelle lebenswichtiger Sozialisierung mit Gleichaltrigen. Die Leute, die sich heute über den Kindergarten in der Nachbarschaft beschweren, sind dann vermutlich dieselben, die morgen über die mangelnde Erziehung der Jugend herziehen. Ich wäre zumindest nicht überrascht.