Blizzard, der Betreiber der „World of Warcraft”, hat sich feine neue Dinge ausgedacht. Allen voran ist es in Kürze nicht mehr möglich, in den Internet-Foren von Blizzard unter Pseudonym zu schreiben. Angeblich, um das Benehmen der Nutzer zu verbessern. Bringen wird es nichts, dafür vernichtet es Privatsphäre – eine brunzdumme Idee.
Die Maßnahme wird den Tonfall in den Foren nicht merklich verbessern. Vollidioten ohne Benehmen bleiben Vollidioten ohne Benehmen. Aber es wird zu anderen Problemen führen. Bislang war Anonymität ein wichtiger Faktor im Internet. Zum Beispiel will nicht jeder, daß der potentielle neue Arbeitgeber im Vorhinein weiß, welche Computerspiele der Bewerber spielt, welchen Hobbies er nachgeht und so weiter. Die für jedes Thema existierenden Online-Foren, verbunden mit einem geradezu ewig haltenden Gedächtnis, erlauben bei Kenntnis der Online-Persönlichkeiten, ein sehr detailliertes Bild von einem Menschen inklusive eventueller „abseitiger” Hobbies zu erhalten.
Das Problem ist nicht vollkommen neu: wer in Deutschland eine Web-Präsenz betreibt, ist zur Nennung nicht nur seines tatsächlichen Namens, sondern sogar zur Angabe einer „ladungsfähigen” Adresse für den Fall von Rechtsstreitigkeiten verpflichtet. Infolgedessen sind deutsche Domain-Inhaber insgesamt eher vorsichtig in ihren Meinungsäußerungen, was vom Gesetzgeber einerseits gewollt ist, andererseits eine bedenkliche Selbstzensur zur Folge haben kann, wenn man das deutsche Abmahn-Unwesen bedenkt.
Es geht den Arbeitgeber schlicht nichts an, ob seine Beschäftigten in der Freizeit kostümiert und „Elendil!” schreiend durch Wälder joggen, im Schützenverein sind oder Schach spielen. Privat ist privat und hat privat zu bleiben, ansonsten projiziert der Chef eventuell seine eigenen Vorurteile auf den Untergebenen, mit unvorhersehbaren Folgen. Oder man bekommt eine Arbeitsstelle nicht, weil der Personalchef irgendwo einmal gehört hat, alle WoW-Spieler seien spielsüchtige, pickelige Nerds mit ausgeprägten Problemen in puncto Umgangsformen und Körperhygiene.
Sowohl die „Süddeutsche”als auch der „Spiegel” kommentieren denn auch die Änderungen durch Blizzard entsprechend. Der Spiegel diagnostiziert als zugrundeliegendes Problem eine wachsende „Facebookisierung” der Online-Welt. Das trifft durchaus zu, wenn man bedenkt, daß Facebook einerseits Marktführer bei den sozialen Netzwerken ist, andererseits ein ausgeprägtes Problem mit der Privatsphäre hat, die sein Gründer als überkommenes Konzept betrachtet. Ins Bild paßt, daß Blizzard vor Kurzem erst eine Kooperation mit Facebook angekündigt hat, die unter anderem ermöglichen soll, daß man Facebook-Kontakte mit den Blizzard-Freundeslisten abgleichen kann.
Geht es nach Facebook, darf niemand mehr anonym sein. Denn wer anonym ist, entzieht sich der Profilerstellung und Analyse. Aber gerade diese ist es, von der Facebook und die anderen Anbieter leben. Das Geschäftsprinzip jener Seiten ist es, daß sie eben alles über ihre Nutzer wissen wollen. Was diese nicht freiwillig und direkt mitteilen, wird dann halt über das Nutzungsverhalten anderer Websites ermittelt.
Wie gut die Idee ist, einer potentiell mißgünstigen Umwelt den Klarnamen mitzuteilen, mußte derweil ein Blizzard-Mitarbeiter feststellen, der mit gutem Beispiel vorangehen wollte. Nachdem er seinen echten Namen genannt hatte, hatten andere Forenteilnehmer binnen Minuten seine Adresse, Freundeskreis, Telefonnummer und vieles mehr ermittelt und veröffentlicht. Mittlerweile hat der Mitarbeiter seine Telefonnummer gesperrt und sein Profil aus allen sozialen Netzwerk-Diensten gelöscht. Es gibt einen Spruch in der amerikanischen Industrie: „eat your own dog food”. Iß dein eigenes Hundefutter. So lecker war der neueste Blizzard-Fraß dann wohl doch nicht.
Kommentare
Zu dem Blizzard-Mitarbeiter
Zu dem Blizzard-Mitarbeiter sage ich nur "point proven!" :)
Und viele denken ja wirklich Chefs verstehen nix von sowas.