Nieder mit dem Solidaritätsprinzip!

Im Gesundheitssystem fehlt Geld. Das ist bekannt. Das System, das jahrzehntelang von Ärzten, Apotheken und Pharma-Industrie als Selbstbedienungsladen und Gelddruck-Maschine benutzt wurde, bewegt sich am Rande dessen, was finanzierbar ist. Derweil werden die Drohungen der Hausärzte ob des Verlustes ihrer Exklusiv-Pfründe martialisch, und ein CDU-Politiker möchte gar Strafzahlungen für Übergewichtige einführen.

Sogar unser Gesundheitsminister im Praktikum Philipp Rösler hat begriffen, daß überall Geld fehlt, jedoch anstelle einer echten Reform mit Erhöhungen der Beiträge und halbherzigen Alibi-Kürzungen auf der Leistungsseite reagiert. Herr Rösler arbeitet nach alter Bürokraten-Devise: wieso ein Problem lösen, wenn man es vertagen kann. Oder wie der Volksmund schon lange weiß: kein Problem ist so dringend, daß man es durch Verschieben nicht in eine echte Krise verwandeln könnte. Außerdem ist Herr Rösler Chirurg von Beruf. Die werden zwar von anderen Ärzten gelegentlich als bessere Metzger belächelt, aber letztlich hackt dann doch die eine Krähe der anderen kein Auge aus.

Also läuft die Gesundheits-„Reform“ auf folgendes hinaus: der prozentuale Beitragssatz zur Krankenversicherung wird erhöht (auf 15,5 Prozent), der Arbeitgeber-Anteil bei 7,3 Prozent eingefroren. Alle Mehrkosten sind von den Kassen in Zukunft über pauschale Zusatzbeiträge abzufangen. Wenn man besonders optimistisch denkt, könnte dieser Umstand vielleicht tatsächlich zu einer verstärkten Konkurrenz der Kassen führen.

Da diese aber ihre Ausgaben bisher nicht wirklich wirksam drosseln können, wird das System wohl eher zu Massenpleiten von Krankenkassen führen denn zu sinkenden Kosten. Daß die so über die Hintertür eingeführten Kopfpauschalen außerdem gerade Geringverdiener belasten, was auch über die vielbeschworenen Steuer-Nachlässe gar nicht ausgeglichen werden kann (insbesondere bei Menschen, die aufgrund geringen Lohns schon kaum Steuern zahlen), kommt noch dazu.

Auf Ausgabenseite denkt das Ministerium darüber nach, die Honorarsteigerungen von Hausärzten auf das Durchschnittsniveau zu deckeln. Wohlgemerkt: das ist keine Kürzung, sondern lediglich die Ankündigung, daß in den nächsten Jahren das ach so knappe Jahreseinkommen der Hausärzte nicht mehr stärker steigen wird als das der restlichen Ärzteschaft. Von den derzeit im Schnitt ca. 130-160.000 Euro im Jahr kann man ja auch wirklich beinahe nicht leben, das ist natürlich einzusehen. Und so machen die Hausärzte Front gegen das Vorhaben. Sprechen sogar von Toten, die durch die so verursachte Hausarzt-Diaspora zu erwarten seien.

Ganz kreative Ideen hat der CDU-Abgeordnete Marco Wanderwitz (und da gerade Sommerloch ist, bekommt er natürlich ein entsprechendes Forum in der Presse): Strafzahlungen für Dicke sollen es richten. Nachdem die Raucher langsam aber sicher erfolgreich zur gesellschaftlichen Randgruppe verkommen, geht es jetzt also gegen andere „Risiko-Gruppen“, und Übergewichtige sind natürlich ein dankbares Ziel.

Weil Dicke ja bewußt ihr Leben versauen würden und dabei zudem horrende Kosten für das Gesundheitswesen entstünden, so Wanderwitz, sollten sie höhere Kassenbeiträge zahlen. Unterstützung erhält er vom „Gesundheits-Ökonom“ Jürgen Wasem. Dieser möchte am liebsten auch gleich Raucher und bestimmte Sportler zur Kasse bitten und zumindest eine zusätzliche Gesundheits-Steuer auf Alkohol, Schokolade, Tabak und „Risikosportgeräte“ wie Drachen einführen.

Der Anteil an den Gesamtkosten im Gesundheitswesen durch verunglückte Drachenflieger dürfte eher übersichtlich sein. Aber wieso nur Drachenflieger? Das ist doch eigentlich inkonsequent. Letztlich ist ja jedes Sport-Gerät ein Risiko: Ski, Inline-Skates, Surfbretter, Wanderschuhe. Diese asozialen Sportler, die sollen gefälligst alle bluten! Dafür, daß sie ein marginal größeres Risiko eingehen, Knochenbrüche und ähnliche Verletzungen zu erleiden... daß aber durch sportliche Betägigung an frischer Luft z.B. Kreislauferkrankungen bekämpft werden, die in unserer alternden (und ja: auch übergewichtigen) Gesellschaft so langsam zur Volkskrankheit werden: wen juckt's, wir haben ein Feindbild.

Und die Dicken erst! Oh ja, die sind ein tolles Opfer. Auch in der Vergangenheit schon von anderen „Gesundheitsökonomen“ (allein dieses Wort!) wie Günter Neubauer wiederholt gerne als asoziale Schmarotzer gebrandmarkt, sollten die sich wirklich etwas schämen. Daß die meisten übergewichtigen Menschen über ihr Aussehen alles andere als glücklich sind: geschenkt. Daß zudem insbesondere die echte Adipositas eher schon eine Körperbehinderung ist und zudem ein anerkanntes Krankheitsbild darstellt: wen stört's. Häßlich, abstoßend, asozial: Dicke sind in vielerlei Hinsicht ein einfaches Ziel.

Die Ideen von Wanderwitz, Wasem, Neubauer und Konsorten haben durchaus etwas für sich: zusammen mit der von Philipp Rösler eingeführten „Kopfpauschale light“ sind sie bezeichnend für den schrittweisen Abbau des Solidaritätsprinzips im Gesundheitswesen. Das ist ja auch sowieso total überholt, also: weg damit! Wenn wir damit aber schon anfangen, dann bitte gleich richtig, und höhere Beiträge für all diese Gruppen einführen:

  • Eltern mit Kindern (wissen Sie eigentlich wie oft spielende Kinder sich verletzen?), alternativ: Familienversicherung abschaffen
  • Fahrradfahrer (Fahren ohne Helm natürlich gleich ganz verbieten)
  • Autofahrer (verursachen Millionenkosten durch ihre Unfälle)
  • Stadtbewohner (kriegen schneller Lungenkrankheiten und Allergien).

Ach ja, und dann führen wir natürlich konsequenterweise auch noch eine verpflichtende genetische Untersuchung von Embryonen im Mutterleib ein. Körperbehinderung, Down-Syndrom, Wachstumsstörung, Albinismus, rote Haare: weg damit. Mütter, die sich der sozialverträglichen Spätabtreibung ihres asozial kranken Nachwuchses verweigern, zahlen (natürlich) zumindest massiv zu. Wo kämen wir denn da hin, wenn jeder sich einfach so vermehren könnte, ohne die Allgemeinheit zu fragen.

Wenn wir diesen Sozialdarwinismus nur konsequent genug umsetzen, brauchen wir dann vielleicht sogar überhaupt keine Krankenkassen mehr, denn dann sind wir alle mindestens 1,80m große, blonde, blauäugige HerrenÜbermenschen. Und die werden natürlich nicht krank.

Kommentare

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GATTAKA ick hör dir

GATTAKA ick hör dir trapsen...

nicht mitgedacht

Na da haste aber nicht mitgedacht, denn wenn wir durch entellegente Erbgutanalyse und gezielte Veränderung die gesunden und positiven Eigenschaften zukünftiger Kassenpatienten vorab festlegen und die körperliche, geistige und genetische Unversehrtheit auf ein sozialverträgliches Maß erhöhen, würde es keine Politiker mehr geben, da diese eindeutig wegdarwinisiert werden müssten.
Ergo gäbe es auch diese Diskussion nicht mehr :P

Für die gibt es sicherlich,

Für die gibt es sicherlich, wie sooft, Sonderregel.
Da werden die passenden Gensequenzen gefunden und das Baby bekommt bei der Geburt den Stempel "Politiker" auf den Ar*** gedrückt.
Oder wir ziehen das gleich a la Huxley auf und kreieren uns passend gezüchtete "Drohnen".