Nach dem Unglück auf der Loveparade mit 19 Toten und über 300 Verletzten am Wochenende will es nun erwartungsgemäß natürlich niemand gewesen sein. Es gibt viele Fragen und bisher nur wenig Antworten. Dafür jede Menge Dementis und selbstgerechte Trittbrettfahrer.
Das Gelände der Loveparade in Duisburg war rund 230.000 Quadratmeter groß und offiziell für rund 250.000 Personen ausgelegt, inklusive Sicherheits-Reserven vielleicht 300.000. Entgegen erster Angaben (von denen insbesondere die Veranstalter im Nachhinein natürlich nichts mehr wissen wollten), es sei über eine Million Menschen zur Loveparade gekommen, belief sich die Auslastung des alten Güterbahnhofs in Duisburg wohl eher auf knapp unter 200.000. Das ist jedoch immer noch eine riesige Menschenmenge.
Fakt ist: der Zugang erfolgte über eine einzelne „Zugangsrampe“ und einen davor liegenden Tunnel. Der Weg war rund 16 Meter breit; selbst bei optimistischer Schätzung können eine solche Engstelle aber nur rund 20.000 Menschen pro Stunde passieren, will man übermäßiges Gedränge vermeiden. Das ist immerhin konsistent damit, daß in den Stunden seit Öffnung des Geländes rund 200.000 Menschen durch den Tunnel gekommen waren. Ergo war aber der Zugang zum Gelände absolut unterdimensioniert, wenn man die erwarteten Besucherzahlen zugrundelegt. Das ist eine schlichte Tatsache, insbesondere, wenn man bedenkt, daß es keine getrennten Ausgänge gab, es also im Tunnel und auf der Rampe zu „Gegenverkehr“ kam.
Das sah unter anderem auch die Feuerwehr so. Vorschriften wurden zudem per Sondergenehmigung ausgehebelt, so waren zum Beispiel die Notausgänge auch schmaler als sie hätten sein müssen. Man merkt förmlich den politischen Druck, daß die Loveparade „irgendwie“ ermöglicht werden mußte. Anders als in Bochum, wo 2009 von öffentlicher Seite der Stecker gezogen wurde, als deutlich wurde, daß eine sichere Durchführung nicht möglich sein würde, hatte der Druck dieses Mal anscheinend Erfolg. Mit dem bekannten Resultat.
Der Physiker Michael Schreckenberg, der sich mit der wissenschaftlichen Untersuchung von Verkehrsstaus und dem Verhalten großer Gruppen beschäftigt, war bei der Planung beteiligt. Nun weist er selbstverständlich jede Verantwortung von sich: wenn nicht einige Menschen auf die Treppe geklettert und hinuntergefallen wären, wäre ja gar nichts passiert, ganz bestimmt! Und überhaupt, er habe ja nur für die Führung der Menschen zum Eingangstunnel hin mitgewirkt, für den Rest sei er gar nicht zuständig gewesen. Aha.
Andere versuchen, das Unglück im Lichte ihrer eigenen Moralvorstellungen zu einer Mischung aus eigener Schuld der Party-Gäste und göttlicher Intervention zu erklären. Eva Herman vergleicht die Veranstaltung mit „Sodom und Gomorrha“, weil dort ja leichtbekleidete Menschen (und insbesondere: Frauen) zu lauter Musik „zuckten“. Und noch schlimmer, einige nackte Busen waren wohl auch zu sehen! Untergang des Abendlands! Wer hier hergekommen sei, so Herman in ihrem unappetitlichen Schrieb, der habe gewußt was ihn erwartete, nämlich daß sich „Begriffe wie Sittlichkeit oder Anstand [...] in den abgrundtiefen Bassschlägen ins Nichts“ auflösten.
Herman bedauert, daß die Berichterstattung über das Unglück jede Beschäftigung mit den „Auswüchsen“ einer Veranstaltung verhindere, die „symbolisch doch nur für den kulturellen und geistigen Absturz einer ganzen Gesellschaft“ stehe, freut sich allerdings diebisch darüber, daß das „amtliche Ende“ der Loveparade mit dem gestrigen Tag wohl besiegelt sein dürfe, und bietet noch eine ganz eigenwillige Erklärungsmöglichkeit:
„Eventuell haben hier ja auch ganz andere Mächte mit eingegriffen, um dem schamlosen Treiben endlich ein Ende zu setzen. Was das angeht, kann man nur erleichtert aufatmen! Grauenhaft allerdings, dass es erst zu einem solchen Unglück kommen musste.“
So kann man das natürlich auch sehen.
Kommentare
Nun ja, ich kann der LP aus
Nun ja, ich kann der LP aus vielen Gründen nix abgewinnen, aber Eva Hermanns Artikel ist heftig.
Ich gebe zu ich bin froh das die LP wohl ein Ende gefunden hat, ich bedaure das dafür 19 Menschen erst sterben mussten.