Einundzwanzig

Die Opferzahl von Duisburg ist noch einmal gestiegen. Derweil wird immer deutlicher, daß die Planungen seinerzeit weniger von Sachverstand und Verantwortungsbewußtsein geleitet waren als vom politischen Willen, ein Prestige-Projekt durchzuziehen.

Deshalb will es heute natürlich auch niemand mehr gewesen sein. Es hätte zum Schluß keinerlei Einwände mehr gegeben, so heißt es immer wieder. Nur: wenn schon Polizeichefs um ihren Job fürchten müssen, weil sie Sicherheitsbedenken vorbringen, was sollen da Beamte von niedrigerem Rang noch sagen?

Der „Spiegel“ dokumentiert, daß kurz vor der Loveparade 2010 unter den Planern tatsächlich eitel Sonnenschein geherrscht habe, zumindest scheinbar. Fragen, Anregungen, Kritik? Nada. Verräterisch allerdings eine Passage in einem Protokoll, nach jener der städtische Beigeordnete anbot, man könne Bedenken auch noch direkt bei ihm oder seinen Mitarbeitern vorbringen, falls „man sich nicht in großer Runde äußern wolle“. Ein Klima, in dem Kritik und Einwände angeblich so ernstgenommen werden, wie von den Verantwortlichen immer beteuert, sieht jedenfalls anders aus.

Im Gegenteil. Die „WAZ“ zitiert in ihrer heutigen Ausgabe Aussagen von Kölner Polizeibeamten, nach denen es ein gutes Dutzend Ortstermine unter Beteiligung von externen Einsatzleitern gab, unter anderem aus Wuppertal und Aachen. Stets war die Meinung über das zu erwartende Resultat der Planung einhellig: Chaos, Verletzte, Tote. Effekt der Warnungen: null.

Die „Süddeutsche“ zitiert derweil den ehemaligen Dortmunder Leitenden Branddirekter Klaus Schäfer. Dieser hatte 2008 in Dortmund die Loveparade mitorganisiert. Seine Reaktion auf einer Informationsveranstaltung im Frühjahr in Duisburg beschreibt der Beamte so: „Das waren Luftbilder und Skizzen. Als ich sie sah, sagte ich sofort: 'Das geht überhaupt nicht. Wer das geplant hat, ist behämmert. Das ist der blanke Irrsinn.'“ Hauptkritikpunkt auch von seiner Seite: die fatale Engstelle auf der „Zugangsrampe“. „Ich habe gesagt: 'Wenn da viele rauf und runter wollen, gibt es Tote.'“

Sowohl die Kölner Polizisten als auch die Dortmunder Feuerwehrleute bekamen auf ihre Kritik immer nur eine Antwort von den Beamten der Stadt: ja, man sehe das ja eigentlich genauso. Aber ignorante Vorgesetzte und Dezernenten der Stadt bestünden nun einmal darauf, die Veranstaltung durchzuziehen. Es werde nichts diskutiert, die Loveparade sei im Rathaus beschlossene Sache.

Sowohl Veranstalter Rainer Schaller als auch Oberbürgermeister Adolf Sauerland schieben die Schuld wiederholt auf die Polizei vor Ort. Es gibt in der Tat Berichte von defekten Funkgeräten und überlasteten Mobilnetzen. Daß in dem Chaos vor Ort Fehler gemacht wurden, ist auch nicht einmal unwahrscheinlich. Aber genau dafür gibt es ja eigentlich Sicherheitskonzepte: damit man sich nicht auf die bloße Hoffnung verlassen muß, das alles ideal klappt. Jetzt die Beamten vor Ort für das eigene kollektive Versagen bei der Planung verantwortlich zu machen, die Schuld also ausgerechnet auf diejenigen zu schieben, die vor Ort teils unter Lebensgefahr den Planungsmurks ausbaden mußten, ist zynisch.

Sauerland ließ übrigens erst kürzlich erklären, er könne ja gar nicht zurücktreten. Denn wenn er das täte, würde er zeitlebens verantwortlich gemacht für den Tod der Opfer. Er werde im Gegenteil beweisen, daß er sich nichts habe zuschulden kommen lassen. Für die Angehörigen und Verletzten ist so eine Aussage der blanke Hohn. Der Oberste der Stadtverwaltung verweigert also das Ziehen von Konsequenzen, weil genau das ja hieße, daß er Verantwortung übernähme. Ja bitteschön, wer denn sonst?